Reportage

Einer der erfolgreichsten Bundesligakämpfer verlässt Österreich

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Sven „Knut“ Helbing zieht es wieder in die Heimat. Der langjährige deutsche Teamkämpfer und ASV-ÖGJ Trainer zieht im Gespräch mit Hans-Peter Zopf Bilanz … 

Uns hat die Nachricht erreicht das du Österreich wieder verlässt. Stimmt das und wohin gehst du?
Stimmt! Ich habe immer wieder Angebote von verschiedenen Vereinen erhalten und mich nun für den JC 66 Bottrop im Ruhrgebiet entschieden. Dahin besteht bereits seit längerer Zeit Kontakt und ich sehe in Bottrop eine sehr gute Perspektive für mich als Trainer und auch für die Sportler dort. Das Umfeld soll konsequent professionell gestaltet werden. Eine Zusammenarbeit mit Gymnasien, mittelfristig ein
Internatssystem und langfristig die Rundumbetreuung von Leistungssportlern sind geplant. So etwas wünscht sich natürlich jeder
Trainer.

Wie lange warst du Trainer beim ASV-ÖGJ Salzburg und hast in der BL gekämpft?
Ursprünglich war ein Engagement als Trainer von 4 Jahren geplant, welches auch jederzeit verlängert werden konnte. Diese Möglichkeit
hätte auch bestanden, aber nach nunmehr 4 ½ Jahren bin ich einerseits in meinem Bestreben, Weltklassesportler zu formen, an Grenzen gestoßen und habe andererseits dieses für die Zukunft viel versprechende Angebot aus Bottrop erhalten. Ich glaube, die Zeit ist reif, sich einer
anderen Aufgabe zu widmen. Auch wenn mir der Abschied vom ASV schwer fällt. Schließlich kämpfe ich bei den Canucks schon seit über 10
Jahren. Und möchte dies, wenn es die Zeit erlaubt auch weiterhin tun.

Deine Schützlinge und Freunde beim ASV nennen dich Knut. Was ist der Hintergrund?
Der Knut bin ich seit der Eisbärengeschichte in Deutschland und seit die beiden Komiker Stermann & Grissemann den Satz prägten: "Die scheiß Deitschn ham en Knut und mir neda!"

Du bist nur selten als Verlierer von der BL Matte gestiegen. Kannst du dich überhaupt erinnern?
An Niederlagen kann man sich oft besser erinnern als an Siege. Deshalb lernt man aus diesen  meist auch mehr. Und ich kämpfe wie gesagt nun schon über 10 Jahre in der ersten und zweiten Österreichischen Liga und da gab´s natürlich auch die ein oder andere nicht siegreiche
Erfahrung. Würde ja auch gegen das gute Niveau der Liga sprechen, wenn ich als nun schon 38-jähriger nur gewinnen würde. Teilweise bin ich richtig hart gefordert worden und letztendlich gab es mehr als 1-2 Niederlagen. Aber nicht viel mehr.

Was waren die Höhepunkte für dich in deiner Trainertätigkeit beim ASV und wie siehst du die Zukunft des Vereines?
Ich glaube, wir haben im Verein in den letzten Jahren richtig was aufgebaut, sowohl was die Erfolge betrifft, das Vereinsklima als auch
inhaltlich organisatorische Sachen. Unsere Bundesligakämpfe sind in Puch nun schon traditionell ein Event, das  öffentliche Erscheinungsbild des ASV ist absolut positiv, das Vereinsleben intern ist sehr aktiv und vielfältig und wenn alle weiterhin an diesem Strang ziehen, ist noch vieles möglich. Natürlich müssen da viele helfende Hände, viel Schweiß und Geduld mitspielen. Auch ein wenig Glück und vor allem der Zusammenhalt der canucks wird entscheidend sein. Dann können auch wieder Erfolge gefeiert werden, wie spannende Auftritte in der ersten und zweiten Liga mit mehreren Medaillen, natürlich der Nationalligatitel 2008, eine so erfolgreiche und schöne Salzburger Landesmeisterschaft, wie 2010 in Puch, einige Medaillen bei den Staatsmeisterschaften (in der allg. Klasse leider noch kein Titel für mich als Trainer), internationale!  Medaillen und Platzierungen und auch viele tolle Erlebnisse, die nicht nur auf der Judomatte stattgefunden haben. Insgesamt habe ich dem Verein vieles zu verdanken und es ist natürlich ein tränendes Auge bei meinem Abschied dabei! Vor allem Sepp Bernegger ist mir ein sehr guter Freund geworden und die Zusammenarbeit mit ihm und dem Verein verlief immer auf fruchtbarer, freundschaftlicher und ehrlicher Basis. Auch und vor allem das kann ich als einen Höhepunkt meiner Trainertätigkeit für den ASV bezeichnen. Sicherlich werden wir in Kontakt bleiben und noch ein paar schöne Dinge miteinander erleben.

Du bist als Trainer in der höchsten Ausbildungsstufe und langjähriger Spitzenkämpfer. Hätte es dich nicht gereizt im LV Salzburg oder mit dem Nationalkader zu arbeiten?
Man muss sich als "Neuer" immer erstmal hinten anstellen können und die Arbeit im Verein hat mir wirklich viel Spaß gemacht. Natürlich hätte ich mir gewünscht, meine Ideen und meine Fähigkeiten auch in höhere Bereiche einfließen zu lassen als "nur" in den Verein. Aber das kann man nicht so einfach verlangen, das muss sich entwickeln. Leider hat die Zeit in Salzburg dafür nicht ausgereicht. An Ideen hat es nicht gemangelt, aber ich kann natürlich nicht erwarten, dass diese einfach so umgesetzt werden, da spielen viele Faktoren und Interessen eine Rolle. Vielleicht konnte ich auch meine Möglichkeiten und Fähigkeiten nicht deutlich genug machen, doch insgesamt glaube ich, dass ich mein gesamtes Potential in meiner Zeit in Österreich bei weitem nicht ausschöpfen konnte. Aber vielleicht kann ich das in Zukunft schaffen.

Wie siehst du unsere Bundesliga?
Sie ist und sollte vor allem für die jungen Österreichischen Kämpfer ein Gradmesser ihrer Fähigkeiten sein. Ab und zu bekommen sie es da
mit internationalen Spitzenkämpfern zu tun und können dort sehen, wo sie stehen. Leider hatte ich oft den Eindruck, dass bei manchen Entscheidungen, was die Organisation betrifft einige Vereinsinteressen im Vordergrund standen. Wobei ich nicht sagen möchte, dass dies unseren Verein benachteiligte! Die Judoka sollten bei diesen Entscheidungen immer im Mittelpunkt stehen und ihre Entwicklung sollte damit unterstützt werden! Zum Glück sind die Reglungen in den letzten Jahren langfristiger getroffen worden, so können sich Sportler und Vereine besser orientieren und planen.
Auch das System der Kampfrichter gehört zur Österreichischen Liga. (Natürlich nicht ausschließlich zur Österreichischen!) Dort sind teilweise große Leistungsunterschiede zu verzeichnen. Es ist sicher schwer, ein einheitliches Niveau zu entwickeln, denn Leistungsunterschiede gibt es ja bei den Sportlern auch. Was aber aus meiner Perspektive als Trainer und Sportler auffällig war, ist, dass einige Kampfrichter nicht mit gleichem Maß messen, das heißt, dass sich die Sportler und Trainer sehr oft nicht auf die Auslegungen der Regeln einstellen können. Im gleichen Kampf werden gleiche Situationen oft unterschiedlich bewertet. Da ich nun schon seit 32 Jahren auf den Judomatten dieser Welt unterwegs bin, traue ich mir eine solche Einschätzung durchaus zu. Der Anspruch muss sein, die Kämpfe nach den gleichen Prinzipien zu werten, denn ansonsten leiden im Endeffekt wieder die meiner Meinung nach Wichtigsten, nämlich die Sportler und dadurch das Judo selbst darunter. Auch  sollten Kampfrichter und Sportler enger zusammenarbeiten. Im Endeffekt wollen wir alle den Judosport voran bringen und müssen zusammen in die gleiche Richtung arbeiten. Vielleicht wäre es ratsam, sich nach den Wettbewerben zusammenzusetzen und auf einer freundschaftlichen Basis emotionsfrei und kurz die Leistung beider Seiten auszuwerten. Das schließt dann natürlich das Verhalten der
Sportler am Mattenrand mit ein!
Insgesamt könnte man aus den Ligaveranstaltungen an sich mehr machen. Schließlich sind diese eine wunderbare Möglichkeit unseren Sport in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Veranstaltungen halten sich zeitlich in einem überschaubaren Rahmen, bieten qualitativ sehr gutes Judo und könnten den Vereinen bei guter Organisation auch noch finanziell eine kleine Hilfe sein. Man muss den Zuschauern eben anfangs noch etwas anderes als "nur" Judo bieten. Heutzutage wollen die Leute unterhalten werden und wenn man eine gute Show bietet, wird Judo ganz nebenbei populärer. Viele Länder haben gar kein solches Ligasystem, deshalb sollte man es hierzulande konsequenter nutzen. Vielleicht sollten sich hierzu nicht allein die Vereine sondern auch der Verband Gedanken machen. Wie gesagt, wir wollen ja alle, dass nicht allein bestimmte Vereine sondern der Judosport insgesamt ins Rampenlicht rückt und die Wertschätzung erhält, die dieser schöne und vielseitige Sport verdient. Das Potential dazu hat Judo allemal.

Österreich hat bei der EM weit besser als Deutschland abgeschnitten. Haben wir das bessere System?
Ich glaube, die beiden Systeme nur an der heurigen EM zu messen, wäre falsch. Die EM in Wien war für Österreich ein absoluter und schöner
Erfolg. Sowohl was die Platzierungen betrifft als auch die Organisation kann Österreich stolz auf diese EM sein. Der Heimvorteil wurde in die richtige Richtung umgesetzt. Trotzdem glaube ich, dass noch viele Reserven im Österreichischen System bestehen. (Im Deutschen und in anderen übrigens auch!) Ich habe in meiner Zeit hier sehr viele begabte Judoka gesehen und gemessen daran und mit Blick in die Zukunft kann da noch viel optimiert werden. Vielleicht sollten junge Sportler länger vom Starrummel verschont bleiben und die Möglichkeit bekommen,
sich konzentriert und kontinuierlich zu entwickeln. Das Umfeld kann meiner Meinung nach durchaus professioneller gestaltet werden, auch
wenn ich weiß, dass das aus verschiedensten Gründen nicht immer einfach ist. Ausbildung und Beruf, auch Vereinsinteressen spielen da
eine wichtige Rolle. Doch auch in Österreich gibt es Möglichkeiten, sich z. B. mit Polizei, Heer, Studium und/oder Privatinitiativen für den Leistungssport zu entscheiden und dann aber auch alle Möglichkeiten konsequent auszunutzen. Am Ende ist für den Erfolg das Gesamtpaket entscheidend. Und das schließt neben z. B. Elternhaus, Trainer, Schule/Ausbildung, medizinische Betreuung usw. vor allem auch den Sportler selbst mit ein. Der Erfolg der österreichischen Judoka nicht nur bei der EM in Wien zeigt, dass sich hier durchaus Weltklassesportler entwickeln können. Doch sicher könnte man eine noch breitere Leistungsspitze fördern. Das gesamte Erscheinungsbild des österreichischen Judo und damit natürlich auch der gesamte Erfolgsdruck liegt auf sehr wenigen Schultern.

Welche österreichischen Judoka schaffen deiner Meinung nach die Olympiaqualifikation?

Ich glaube fest an Sabsi und würde es ihr sehr vergönnen. Auch denke ich, dass es Andi Mitterfellner und Lupo vielleicht noch mal schaffen können. Es wird aber sicherlich ein harter und langer Weg. Des Weiteren bin ich überzeugt, dass auch Chris Haas eine Rolle spielen wird und vielleicht bietet sich besonders bei den Frauen noch die eine oder andere junge Athletin an.

Gibt es für Dich irgendwann ein Comeback in Österreich?
Ich mache jetzt seit 32 Jahren Judo und habe schon einige Erfahrungen gesammelt. Deshalb würde ich nichts ausschließen, freue mich aber
erstmal auf meine neue Aufgabe und hoffe, auch dabei wieder vieles zu lernen, so vielen Talenten wie möglich eine helfende Hand reichen und das Umfeld in Bottrop entscheidend mit gestalten zu können. Jedenfalls hat es mir in den letzten 4 ½ Jahren sehr viel Spaß gemacht und ich bin dankbar für die Zeit in Österreich!

Wir wünschen dir alles Gute für deine zu Zukunft!

 

About Hans-Peter Zopf

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